Positionspapier sinkende Studierendenzahlen

Das IEEE German EMC Chapter nimmt die in den letzten Jahren gesunkenen Immatrikulationszahlen
an den elektrotechnischen Fakultäten, Instituten und Fachbereichen der deutschen Hochschulen und Universitäten besorgt zur Kenntnis. Falls die Anzahl der Studienanfänger*innen weiterhin sinkt, sieht das Chapter sowohl den Bestand der allgemeinen ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge zur Elektro-, Information- und Energietechnik als auch das Studien- und Forschungsgebiet der Elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) mittelfristig als gefährdet an. Eine weitere Herausforderung ist die starke Dominanz männlicher Studienanfänger in der Elektrotechnik und die damit verbundene fehlende Diversität und Gleichstellung in diesem Bereich. In diesem kurzen Positionspapier sollen mögliche Ursachen für diese Situation zusammengefasst und geeignete Maßnahmen vorgeschlagen werden, um diesem Trend entgegenzuwirken.

Best Practise Beispiele

Lassen Sie sich hier von Positiv-Beispielen inspirieren und helfen Sie bei der Ausbildung kleiner und großer zukünftiger Elektrotechniker.

Vermutete Gründe für sinkenden Studierendenzahlen

Technik als notwendiger Teil der Allgemeinbildung

Im Physik- als auch im Technikunterricht (soweit angeboten) wird selten der Raum für die Elektrotechnik als Anwendungsgebiet in Verbindung mit der (technischen) Informatik angeboten. Die frühe Vermittlung von Fähigkeiten, z.B. im Bereich Schaltungstechnik, Digitaltechnik sowie einfache Mikrocontroller ist daher eingeschränkt.
Technik- und Informatikunterricht sind auch oft keine obligatorischen Schulfächer um Allgemeinbildung zu erlangen. Der Umgang mit Technik wird im Unterrichtsplan oft vernachlässigt. Dazu kommt der häufige Unterrichtsausfall insbesondere in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern durch einen massiven Lehrkräftemangel.

Konkurrenz gegenüber anderen Studienfächern

Im Vergleich zu anderen Themen wird die Elektrotechnik als praxisfern und mathematisch anspruchsvoll wahrgenommen. Gleichzeitig werden andere wichtige elektroingenieurwissenschaftliche Themen wie Steuerung, Regelung, Automatisierung oder Robotik eher der Informatik zugeordnet. Weiterhin bringen Schüler*innen das Ingenieurwesen insgesamt meist eher mit dem Maschinenbau in Verbindung und zeigen bei der parallelen Vorstellung von mehreren Fakultäten kaum Interesse an der Elektrotechnik. Auch die potentiellen Verdienstmöglichkeiten als Ingenieur*in werden häufig unterschätzt und z.B. in der Berufsfelder der Betriebswirtschaftslehre als hoher vermutet.

Falsche Vorstellungen über Tätigkeitsfelder

Weiterhin besteht bei Schüler*innen oft Unkenntnis über die Betätigungsfelder von Elektroingenieur*innen. Bei Nachfragen sind den Schüler*innen meist nur Schaltungstechnik, Haustechnik oder Elektroinstallationsarbeiten bekannt. Durch die fehlende aktive Berührung mit der Elektrotechnik im Unterricht und der damit verbundenen Auseinandersetzung mit technischen Problemstellungen im Allgemeinen fehlt den Schüler*innen ein Einblick in die Ingenieurstätigkeit als Entstehungsprozess von technischen Anwendungen.
Diese werden im Alltag ganz selbstverständlich und allgegenwärtig benutzt (z. B. elektrische Energieübertragung, Elektrofahrzeuge, Mobiltelefone und Smartphones, Unterhaltungselektronik, Laptops, PC, Ladegeräte, …), aber häufig nicht als von Elektroingenieur*innen entwickeltes Produkt angesehen. Gleichzeitig bietet die Elektrotechnik heutzutage wenig zum “Sehen und Anfassen”, Geräte können selten zerstörungsfrei geöffnet oder repariert werden. Eine “Bastelkultur” oder auch eine Gemeinschaft von Radiobastler*innen oder Funkamateur*innen ist nicht mehr so verbreitet, wie früher.

Mangelnde Sichtbarkeit und Bündelung bisheriger Maßnahmen

Um generell mehr Studierende zu einem Elektrotechnik-Studium zu bewegen gibt es bereits jetzt verschiedene Maßnahmen der verschiedenen Stakeholder im Bildungsbereich, denen aber die Vernetzung, Verknüpfung, Sichtbarkeit und Wahrnehmung fehlt. Die Schüler*innen-Akquise ist dabei personell und zeitlich recht aufwändig. Trotzdem gehen Kampagnen leider oft an der Zielgruppe vorbei und erreichen diese nicht zufriedenstellend.

Mögliche Maßnahmen und Ziele

Langfristige Begeisterung für Technik wecken

Um Kinder und Jugendliche (und insbesondere Mädchen) langfristig für eine Beschäftigung mit Technik zu begeistern, müssen schon im frühen Alter, im Idealfall bereits im Kindergarten und spätestens in der Grundschule erste Grundlagen vermittelt und mögliche Berührungsängste abgebaut werden, z.B. durch kleine Mitmach-Experimente oder Technik-Erlebnistage, die in den Kindereinrichtungen aber auch an Universitäten stattfinden können. Auch ältere Schüler*innen in weiterführenden Schulen sind für solche Aktionen dankbar, die zum aktiven Experimentieren in kleinen Gruppen einladen, können aber zusätzlich auch über Informationen und Kampagnen in den sozialen Medien und Netzwerken erreicht werden. Studierende eignen sich dabei hervorragend als Betreuer*innen, Workshop-Leiter*innen und Multiplikator*innen, können das Wissen und die nötigen Kompetenzen meist sehr zielgruppengerecht und authentisch vermitteln, und profitieren auch meist selbst persönlich und fachlich von solchen Studienwerbungs- und Informationsformaten. Die Motivation für Studierende, die sich langfristig und intensiv für solche Aktionen engagieren, kann und sollte z.B. durch auch Credit Points im technischen oder nicht-technischen Wahlpflichtbereich honoriert werden und sich damit auch direkt vorteilhaft auf den Studienverlauf auswirken.

Resourcen und Finanzierung

Natürlich benötigen solche Formate auch Ressourcen. Dazu sind niederschwellige Finanzierungsmöglichkeiten von Seiten der Hochschulen (Mittel für Studentische Hilfskräfte, Kosten für Exponate, Experimentier- und Verbrauchsmaterial, Fahrtkosten, …) zu klären. Auch Industrieunternehmen und Klein- und Mittelständische Unternehmen (KMUs), Verbände wie das IEEE oder der VDE sowie Stiftungen können und müssen ideelle, finanzielle sowie personelle Unterstützung leisten, um einen langfristigen Fachkräftemangel im Technik-Bereich zu vermeiden.

Sichtbarkeit der EMV erhöhen

Haben Studierende sich für eine Studium der Elektrotechnik oder ähnlicher Fachrichtungen entschieden, besteht eine weitere Herausforderung, Studierende für das sehr praxisrelevante und interdisziplinäre, aber auch als eher theoretisch und anspruchsvoll wahrgenommenes Fachgebiet der Elektromagnetischen Verträglichkeit zu begeistern. Dabei stellt sich die Frage, ob allein der Lehrveranstaltungsname “Elektromagnetische Verträglichkeit” die Lehrinhalte für die heutigen technischen Herausforderungen (z.B. mit einem Fokus auf die EMV-Messtechnik, regenerative Energie, komplexe Systeme, …) noch repräsentativ abdeckt.

Ein Verweis in der frühen Studienphase auf die Gebiete der EMV stellt einen guten Ansatz dar. So sollte zum Beispiel eine sinnvolle didaktische Verknüpfung der Lehrveranstaltungen im Bereich der Grundlagen der Elektrotechnik mit EMV-Lehrveranstaltung sollte umgesetzt werden.

Hilfreich ist hier sicherlich das Bündeln der gemeinsamen Kräfte in einem EMV-Professor*innen-Netzwerk sowie die Aktualisierung von EMV-Lehrinhalten inklusive neuer Ansätze für modernes Anschauungsmaterial und moderne Laborversuche etc. (z.B. auf Basis des IEEE EMC Core Curriculums https://r8.ieee.org/germany-emc/research/emc-core-curriculum/).

Aktivitäten des IEEE German EMC Chapters

Alle Angehörige des Chapters sind eingeladen, den hochschulübergreifenden Austausch sowie das Sichtbarmachen von eigenen und auch fremden Best-Practice-Beispielen zu fördern. Insbesondere im Bereich der MINT-Sensibilisierung, der Schüler*innen-Akquise als auch der Studienwerbung.

Auch eine weiterführende Diskussion der damit gemachten Erfahrungen mit einer greifbaren Zusammenstellung der “Do’s and Don’ts” ist sinnvoll, damit andere möglichst einfach davon profitieren können.

Zum Austausch über konkrete Aktivitäten bietet sich die Gruppe des IEEE German EMC Chapters bei LinkedIn an, wo entsprechende Beiträge einfach eingestellt, geteilt, kommentiert, diskutiert und erweitert werden können. Auch Fotos, kurze Videos und weitere Dokumente lassen sich durch Links einfach einbinden. In regelmäßigen Abständen können dort die wichtigsten Erkenntnisse gesammelt und gebündelt auf die Webseite des Chapters übernommen werden. (Ein Kontakt über die Chapter Homepage ist ebenfalls möglich IEEE German EMC Chapter)

Außerdem möchte das Chapter die Zusammenarbeit mit Industriepartnern und politischen Akteur*innen intensivieren, um gemeinsam abgestimmte und vernetze Lösungen gegen sinkende Studierendenzahlen und den drohenden Fachkräftemangel im Bereich der Elektrotechnik und der elektromagnetischen Verträglichkeit zu finden.

Links: